Testbericht Büchsenmacher: Ziegler Einhakmontage
Artikel aus Büchsenmacherverlag von Erfolgsautor Carsten Bothe: 4/2010 – Artikel ansehen oder pdf zum download hier
Totgesagte leben länger – Neuanfang der Suhler Einhakmontage
Der unbestrittene Höhepunkt der diesjährigen IWA ist zweifelsohne die neu geschaffene Suhler Einhakmontage von Ziegler Präzisionsteile. Wenn sich deutsche Büchsenmacherkunst an einer einzigen Sache festmachen läßt, dann ist es eine fachgerecht ausgeführte Suhler Einhakmontage. Die SEM war und ist stets erste Wahl bei der Montage hochwertiger Jagdwaffen.
Montagen für Zielfernrohre – Entwicklung und Geschichte
Früher, in der guten alten Zeit, schaffte ein Geselle eine Einhakmontage am Tag. Und das tagein und tagaus, jahrelang. Kein Wunder, daß er darin Erfahrung hatte und das Ergebnis dann auch hervorragend war. Lieferte er schlechte Arbeit ab, dann bekam er diese wieder auf den Tisch und mußte nacharbeiten, pfuschte er wieder, dann ging der Kunde eben woanders hin, wo man die Handwerkskunst noch beherrschte. Leider ist Handwerkskunst nicht beliebig vermehrbar, eine Montage dauerte einen Tag, auch wenn man pro Tag drei oder fünf Aufträge schrieb. Dann mußte der Kunde eben warten. In den für Büchsenmacher goldenen Zeiten der 1960 und 70er Jahre kamen dann die Büchsenmacher mit dem Montieren nicht mehr nach. Außerdem wurden die Gläser schwerer und die Kaliber stärker, so daß die SEM, die für moderate Kaliber und vierfache Gläser entwickelt wurde, Probleme bereitete und die Theorie entstand, daß eine SEM nicht mehr zeitgemäß sei, obwohl gut ausgeführten Montagen nach wie vor keine Probleme bereiten. Aufgrund vielerorts mangelndem Know-How und durch die Erfahrung mit vielen schlecht montierten SEM hat sich diese Theorie verbreitet. In dieser Zeit, Mitte der 70er Jahre, wurde die Schwenkmontage entwickelt und auf den Markt gebracht. Damit war es einem Gesellen möglich, fünf mal so viele Gläser in gleicher Zeit zu montieren, und noch mehr.
Die handwerklichen Fähigkeiten werden bei der Montage einer Schwenkmontage auch nicht ansatzweise in dem Maße gefordert, wie das bei einer SEM der Fall ist. Das Problem – mangelndes handwerkliches Know-How – wurde mit Drehteilen von der Stange gelöst und nicht mehr mit einer Weiterentwicklung der Einhakmontage.
Die Zukunft der SEM schien besiegelt, denn die Abwärtsspirale setzte ein: Es wurden kaum noch SEM nachgefragt, die Büchsenmacher haben keine Übung mehr darin, das Ergebnis ist nicht so toll, die Kaliber zu schwer und die Gläser zu groß, das Material nicht optimal, so schießt die Waffe nicht. Kein Kunde ist mehr gewillt, einen „Setzschuß” hinzunehmen.
Und dann der Preis: das Dreifache einer Schwenkmontage für eine Montage auszugeben, die zwar schick aussieht, aber nicht besonders praktisch ist und bei schlechter Fertigung nicht zuverlässig schießt, das war dann doch nichts. Und der Büchsenmacher weiß das auch und verkauft dem Kunden die Schwenkmontagen, um den Ärger auszuschließen und weniger Arbeit zu haben. Und jetzt dreht sich die Abwärts- spirale weiter: Es werden weniger SEM verkauft, die sind noch schlechter, das spricht sich rum, daher noch weniger Nachfrage, die Büchsenmacher haben noch weniger Übung, die Montagen werden noch schlechter usw.
Die traditionelle SEM hat noch eine weitere Eigenheit. In der historischen Lehrmeinung sollte ein Zielfernrohr möglichst an zwei Positionen mit großem Abstand montiert werden. Zum einen ist die Stoßunempfindlichkeit höher, zum anderen wird bei großem Montageabstand die Wiederholbarkeit größer. Diese Vorteile hatten einen Nachteil. Der vordere Sockel muß bei Repetierbüchsen auf dem Lauf montiert werden. Das erschwert die Vorratshaltung von fertig vorbereiteten Halbzeugen, denn es müssen nicht nur die unterschiedlichen Waffenfabrikate berücksichtigt werden. Je nach der Länge des zu montierenden Glases ändert sich die Position der Vorderbase auf dem Lauf, und das noch an dem birnenförmigen Teil, der besonders schwierig zu vermessen und anzupassen ist. Um das zu vereinfachen, wurde schon damals die Kontra-Einhakmontage entwickelt, ohne sich aber großartig durchzusetzen, denn die vorhandenen Qualitätsmängel machten sie zu keiner wirklichen Alternative.
Was ist neu bei der Ziegler SEM?
Die SEM kann nur dann eine wirkliche Alternative zu den heute verfügbaren Schwenk- und Aufschubmontagen sein, wenn sie den heutigen Kalibern, Waffen und Gläsern Rechnung trägt. Weiterhin ist der Büchsenmacher als ausführendes Organ für die richtige Montage verantwortlich, denn auch wenn die Basen und Ringe hochpräzise einbaufertig und untereinander austauschbar sind, müssen die Basen letztlich wie bei allen anderen modernen Montagen fachgerecht an der Waffe montiert werden, entweder durch Einschwalben oder Löten/Kleben.
Zu guter Letzt muß der Preis, den der Endverbraucher zu zahlen hat, im Bereich der modernen Montagen liegen, ggfs. etwas höher, wobei dieser Teil dann auf die Büchsenmacher-Arbeit entfallen sollte. Nur wenn der Büchsenmacher an einer Montage Geld verdient, dann ist er auch gewillt, diese zu verkaufen.
Funktionsweise der neuen SEM von Ziegler
Betrachten wir zunächst die Vorderfüßchen. Bei der Ziegler-Einhakmontage haben die Füße eine neue Geometrie und ruhen mit einer Vorspannung von 400 kg drehbar in der Vorderplatte. Durch die Verwendung hochfester Stähle und den kreisförmig hinterschnittenen Vorderfuß federt dieser Fuß in Form eines Gabelschlüsselmauls kontrolliert auf und erzeugt so eine Vorspannung der Füße.
Diese Vorspannkraft wird in der Vorderplatte aufgenommen und überträgt sich nicht auf den Lauf oder das Zielfernrohr, wie dies bei schlecht gemachten traditionellen SEMs der Fall war. Die Vorspannung und die Elastizität wurde lt. Hersteller bewußt konstruiert und ist verantwortlich für die hohe Schuß- und Verschleißfestigkeit. Selbst nach 1.800 Schuß 8 x 68 S ergab sich gegenüber den alten, traditionellen Füßen keinerlei „Eingraben” der Bauteile.
In den klimatisierten Meßräumen des Herstellers wurden hierzu während zahlreicher Testserien sämtliche Teile mit einer hochgenauen CNC-Meßmaschine vermessen, es wurde kein Verschleiß festgestellt. Die Hinterseite der Vorderfüßchen ist wie ein großer Radius gestaltet und bildet so ein schußfestes Drehgelenk. Es schwenkt so ein, daß sowohl die Klemmkraft, als auch der Abstand zur Anlagefläche im hinteren Bereich der Basis immer gleich ist für den Bereich, in dem der Hinterfuß einige Millimeter über dem Schlößchen steht, bis zum Einrasten. Der Vorderfuß kann somit falls nötig ohne Nacharbeit eine große Toleranz von +/- 0,5 mm Hinterfußhöhe stufenlos ausgleichen.
Der Hinterfuß ist völlig neu konstruiert und ermöglicht die spannungsfreie Montage des Glases mit vielen Freiheitsgraden. Im Schlößchen sind die Eintrittsöffnungen für die Hinterfüßchen deutlich größer als die Hinterfüßchen, diese haben seitlich und nach vorne Spiel, anders als bei einer traditionellen SEM.
Die Paßflächen sind nicht winklig und eben, sondern die Unterseite der hinteren Montage ist geformt wie ein Schiffsrumpf, aus dem die Füßchen herausschauen. Das Schlößchen ist korrespondierend gefertigt. Ganz gleich, wie das Oberteil in das Schlößchen eingreift, es wird durch den Quersupport zentriert und somit durch diese Konfiguration eindeutig und spielfrei, aber absolut spannungsfrei im Schlößchen abgelegt. Wenn die beiden Basen nicht genau fluchten, oder die Oberteile zusammen mit dem Glas nicht genau fluchtend in die Basen passen wollen, dann „ruckelt man beim Einbau bei offenem Quersupport das Ganze spannungsfrei, aber spielfrei zu recht ” .
Der Hinterfuß wird dadurch eindeutig und wiederholgenau, aber spannungsfrei festgelegt, ähnlich wie eine Kugel in einer Kugelpfanne. Durch diese geniale Konstruktion wird die — im Vergleich zur CNC-gefrästen Präzision — durch die Handarbeit unvermeidliche Ungenauigkeit ausgeglichen. Die perfekt gepaarten Teile werden montiert, und wenn diese nicht genau fluchten — für Handarbeit mag es perfekt fluchten, für die Präzision der CNC Teile ist das nicht tolerabel — gleicht die spezielle Form der Paßflächen an den Hinterfüßen jegliche Unflucht aus.
Diese Art zu montieren verlangt einiges an Umdenken, da sämtliche Teile hochgenau endgefertigt sind und jegliche Nacharbeit entfällt. Eine Schulung der montierenden Büchsenmacher ist unumgänglich, denn die völlig neue Konstruktion bei gleichzeitig identischem Äußeren verleitet dazu, die aus der Vergangenheit bekannten Arbeitsweisen bei der Montage anzuwenden, und das muß schiefgehen.
Die Ziegler Einhakmontage auf dem Schießstand
Die schönste Montage taugt nichts, wenn sie nicht eines kann: mit dem Gewehr zusammen treffen. Und das testet man selbstverständlich auf dem Schießstand. Nach der IWA hatten einige Fachjournalisten die Möglichkeit, nach Herzenslust mit verschiedensten Waffen, Kalibern und Gläsern umfangreiche Tests zu machen. Was die Firma Ziegler da aufgefahren hatten, das zeigt ganz deutlich, wie ernst es dabei ist. Vom einfachen Repetierer bis zum Doppelbüchs-Drilling war so ziemlich alles dabei, was irgendwie Probleme bereiten könnte. Ich selber hatte die .300 WinMag . einer genaueren Betrachtung unterzogen und einige Schußserien untersucht. Dabei unterschieden sich die Serien nicht voneinander, ganz gleich, ob das Zielfernrohr bei allen Schüssen aufgesetzt blieb oder ob das Glas nach jedem Schuß abgenommen und wieder aufgesetzt wurde. Das ist der Beweis für die Wiederholgenauigkeit der Montage und auch dafür, daß kein Setzschuß vorkommt.
Hintergrund der SEM Neuentwicklung
Die Firma Ziegler Präzisionsteile kommt u. A. aus dem Bereich Medizintechnik und Formel 1. Aus diesem Bereich heraus stammen auch die Konstruktionsprinzipien der neuen Fußgeometrie. In der Leichtbauweise eines Rennsportboliden müssen z. T. noch größere Kräfte und vor allem sehr starke Vibrationen dauerhaft ohne Präzisionsverlust aufgenommen werden.
Mit diesem Hintergrund ist das Konstruktions-KnowHow bzw. die Präzision und Fertigungsqualität der Einhakmontageteile schnell erklärt. Einen guten Lieferanten zeichnet aber mehr aus als nur ein gutes Produkt. Lieferfähigkeit, Konstanz in der Qualität und eine funktionierende Logistik sind für den Erfolg eines Produktes oftmals weit entscheidender.
Fazit
Jagdlich ist die Präzision des ersten Schusses wichtig, und der sollte dort liegen, wo die anderen beim Einschießen auch lagen, und das stellt die Ziegler Einhakmontage ohne wenn und aber sicher. Bei der Kontra-Einhakmontage ist der Büchsenmacher auch in der Lage, auf die gleichen Sockel unterschiedliche Gläser auf einen Repetierer zu montieren und die vorhandenen Anschraubgewinde in gewohnter Art zu nutzen. Mit der „normalen” Ziegler- Einhakmontage ist der Büchsenmacher in der Lage, dem Kunden eine Alternative zu den anderen Montagen am Markt zu bieten. Der Kunde bekommt eine formschöne Montage zu einem attraktiven Preis — mit der Technik von heute. Damit ist gewährleistet, dass die Suhler Einhakmontage auch im 21. Jahrhundert weiter das Aushängeschild der deutschen Büchsenmacherkunst bleibt. ![]()



